Predigt Weihbischof Dr. Thomas Löhr

Festgottesdienst 10 Jahre Maronitische Gemeinde in St. Wendel

St. Wendel, Frankfurt – 1. Oktober 2023 / 26. Sonntag im Jahreskreis  (Hl. Therèse von Lisieux; Erntedank) 

Bild: Weihbischof Dr. Thomas Löhr, Pater Gaby Geagea cml, Pater Roger Abdel Massih cml

Liebe Geschwister im Glauben!

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„Der Gerechte sprießt wie die Palme, er wächst wie die Zeder des Libanon.“ (Ps 92,13) 

Diesen Psalmvers habe ich bei unserem heutigen Festgottesdienst „Zehn Jahre Maronitische Gemeinde in St. Wendel“ vor Augen. Mit dem Libanon verbinden sich die beeindruckenden Zedern. Diese bis zu 40 Metern hohen Bäume stehen in der Bibel für Größe, Schönheit und Beständigkeit. Oft begegnen sie uns in der Liturgie und im Stundengeben der Kirche. Zwar finden wir Zedern auch in Europa, in Kurparks und Schlossgärten. Sie aber reichen bei weitem nicht an die Majestät derer im Libanon heran. Viele sind 1000 und mehr Jahre alt, sogar bis zu 3000 Jahre im Wald oberhalb des Wadi Qadisha, diesem so wichtigen Ort für die christliche Bevölkerung im Libanon.

Wie die Zedern so erinnert mich auch diese Ihre maronitische Gemeinde sofort an die Nähe zum Heiligen Land. Jesus heilte im Gebiet von Tyrus und Sidon die Tochter einer kanaanäschen Frau (Mt 21). Paulus war, wie die Apostelgeschichte berichtet, auf seiner dritten Missionsreise und auf dem Weg zum Martyrium nach Rom in Tyrus. Die christliche Geschichte reicht aus dieser fernen Vergangenheit bis heute. Der Glaube ist im Libanon in verschiedenen Kirchen lebendig, unter denen die maronitische Kirche die größte ist. Sie ist mit eigener Liturgie und eigenem Kirchenrecht eine der 5 nicht-lateinischen Riten innerhalb der katholischen Kirche im Bistum Limburg.

Die Faszination entspringt auch der aramäischen Sprache der Liturgie, die die Sprache Jesu ist. Manche Worte erinnern uns an das Hebräische. Qadisha ist der Name der Messen, die Sie seit zehn Jahren in St. Wendel feiern.

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In diesen Jahren wuchs eine enge Verbindung zur Gemeinde St. Wendel innerhalb der Pfarrei St. Bonifatius in Sachsenhausen. Das ist nicht selbstverständlich. Umso mehr ist heute der Tag, Ihnen allen, Maroniten und „Wendelanern“, wie es liebevoll zumeist heißt, dafür zu danken. 

Mit dem Pfarrhaus in St. Wendel haben Sie, die Mitglieder der Kongregation der Maronitischen Libanesischen Missionare, für Ihre Priestergemeinschaft vom Bistum Limburg einen festen Stützpunkt erhalten und sind erreichbar für die Menschen in der Ortsgemeinde und in der maronitischen Gemeinde. Von hier aus sorgen Sie für die Gemeinden in Frankfurt, Berlin, Düsseldorf, Hamburg und München. Ansprechpartner sind Sie ebenfalls für Christen aus Palästina, dem Irak, Ägypten und Syrien, auch wenn dies aus politischen Gründen nicht immer ganz leicht ist. Die schwierige Lage vieler Christen im Libanon und die Christenverfolgung in Staaten des Mittleren Orients sind eine erhebliche Herausforderung. Gott sei Dank, dass Sie da sind.

Als Bistum danken wir Ihnen, den Priestern und den Gläubigen, für die Kontakte im christlich-islamischen Dialog, für Ihr Engagement in der Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen, im Rat der Religionen in Frankfurt und für den Brückenschlag zur Politik, deren Vertreterinnen und Vertreter zu Ihnen großes Vertrauen haben. Es ist bewundernswert, wie Sie sich durch Begegnungen, Vorträge und Solidaritätsaktionen zusammen mit der Pfarrrei St. Bonifatius der Not vieler Menschen, etwa bei der verheerenden Explosion im Hafen von Beirut, annehmen. 

Das alles wäre nicht möglich ohne das enge und vertrauensvolle Miteinander mit der Gemeinde St. Wendel. Daher ist es ein gemeinsamer Tag , an dem wir als Bistum Ihnen und mit Ihnen Gott danken. 

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Gemeinsam nehmen Sie hier eine Art Brückenfunktion wahr. Sie leben eine echte Begegnung der Kulturen. Das meint nicht nur die Sprachen. Es betrifft das ganze kirchliche Leben: die Liturgie, die Traditionen der Frömmigkeit, Gestaltung des Gemeindealltags, das heißt in Deutschland auch Gremien und Konferenzen, ebenso das synodale Leben, das im Bistum Limburg eine gute Tradition hat und für eine zeitgemäße Kirche wichtig ist. 

Wenn es um Kulturen geht, möchte ich etwas ganz besonders hervorheben. Heute gilt weniger das Konzept der „Inkulturation“, denn das ist eine Einbahnstraße, die vor allem von den Hinzukommenden erwartet, dass sie sich anpassen. Katholisch ist der Begriff „Interkulturalität“ zu bevorzugen. Er meint eine Herausforderung an alle, sich den jeweils anderen Kulturen zu öffnen, für sie zu interessieren und bereit zu sein, voneinander zu lernen. 

Gerade in Frankfurt ist erlebbar, dass es nicht „die deutsche Gemeinde“ gibt, denn jede ist zusammengesetzt aus Angehörigen vieler Nationen. Die beständige Frage muss lauten: Was haben wir eigentlich in all den Jahren voneinander gelernt? Die Weite des Katholisch-Seins ist für uns alle ein Gewinn. Und kann ein Vorbild für unsere Gesellschaft sein.

Was bedeutet all das, wenn wir nun gemeinsam auf unser heutiges Evangelium schauen, die Beispielerzählung Jesu von den beiden Söhnen? Am liebsten würde ich jetzt einladen, dass wir gemischte Gruppen bilden, um das Evangelium zu teilen. Das können wir so spontan an diesem Tag nicht. Aber: Wir haben durchaus einen unterschiedlichen Blick – und wir haben zugleich das gemeinsame Gespür, was Jesus uns allen und damit der ganzen Kirche, ja, allen Menschen sagen will. Ich versuche, es in einigen wenigen Zügen anzudeuten.

Zunächst einmal sehen wir den Gegensatz zwischen Reden und Tun. Was nützt es, wenn der zweite Sohn sagt: „Ja, Herr“, aber nicht hingeht. Oft genug sieht so nicht nur unser religiöses Leben aus, sondern auch unser Alltag. Reden und Tun stimmen nicht überein. Wie können wir das überwinden? 

Dass der Vater sagt: „Mein Kind, geh und arbeite heute im Weinberg!“ gibt uns einen entscheidenden Hinweis. Es geht um eine familiäre Beziehung. Vater und Sohn haben etwas, das sie verbindet. Irgendwie ist der Weinberg beider Anliegen. Ein Weinberg hat in unseren Kulturen, gerade auch im Libanon, eine besondere Bedeutung, ist für die meisten mehr als ein Feld oder ein Acker. Der Weinberg gehört zur Familie über Generationen. 

Woran liegt es, dass der Sohn, der erst einmal sagt: Ich will nicht, dann doch geht? Es ist offenbar nicht Furcht, nicht blinder Gehorsam. Vielmehr ist es seine familiäre Bindung an den Vater: er bereut, dass er ihn enttäuschte. Obwohl er zuerst Nein gesagt hatte, geht er doch hinaus. 

Der zweite wird genau so angeredet: „Mein Kind, geh und arbeite heute im Weinberg!“ Die Antwort muss uns erschrecken lassen. Sie lautet: „Ja, Herr.“ Was ist das für ein Verhältnis zum Vater? Ja, Herr. So antwortet damals der Sklave seinem Gebieter. Weiß er nicht, dass dies sein Vater ist? Und fühlt er nicht, dass er der Sohn ist? Fühlt er keine Verbindung mit dem Vater?

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Ich bin überzeugt, der Austausch unter uns über das Familie sein, das Vater sein und Sohn sein, wäre sehr interessant. Wie leben wir das in unseren Kulturen? Und Traditionen? Als Eltern und Kinder? Als Kinder und Eltern? Als Geschwister. Im tiefsten Inneren ist es immer die lebendige Beziehung, die entscheidet.

So ist es auch für unsere Gottesbeziehung. Ist Gott jemand, der Befehle gibt? Die man mit „Ja, Herr“ beantwortet? Oder fühle ich mich als Gottes Kind? Immer schon von seiner Liebe getragen, die ich gern beantworten will. Nicht wie Leistung und Gegenleistung, sondern wie von gegenseitiger Liebe getragene Bindung.

Wenn wir „Vater unser“ beten, wird uns das in Erinnerung gerufen. Ebenso wenn wir eine lebendige Beziehung zu Jesus Christus haben, zu dem wir Du sagen dürfen. Der für uns gelebt hat und gestorben ist. 

Wo das der Grund religiösen Lebens ist, sieht die Wirklichkeit ganz anders aus. Ist das nicht die Liebe, wie sie eine Mutter zu ihrem Kind hat? Und die Kinder zu ihren Eltern? Dass es immer wieder einmal schwer werden kann im Miteinander, gehört wohl zum Leben. Dann sollte es auch dazu gehören, wie der erste Sohn zu sagen: Ich bereue das. Und dann wieder füreinander da zu sein. So wie Gott für uns immer da ist. 

Auf die Fürsprache der Gottesmutter Maria, die in der maronitischen Kirche ganz besonders verehrt und geliebt wird, möge uns Gott dazu immer wieder verhelfen. Amen.